Thomas Bechinger

Die Ausstellung von Thomas Bechinger ist noch nicht abgebaut. Sie können sie auch in der Ferienzeit noch ansehen. Bitte vereinbaren Sie einen Termin mit Lena Brohammer 0049.176.8471.5457


Die Galerie eröffnet die neue Saison am 20. September 2016 mit Werken von Ines Doneschal (Berlin).

 

Thomas Bechinger "Oldenlandia umbellata imit."

Dienstag 14. Juni bis Samstag 23. Juli 2016

 
Oldenlandia umbellata imit. III, 2016, Acryl auf Nessel, 200x140 cm
 

Bilder, die uns sehen lassen –

Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung „Oldenlandia umbellata imit.“ von Marie Namislow

 

Liebe Ursula Grashey, lieber Thomas Bechinger, liebe Freunde der Galerie,

 

ich freue mich heute Abend die neue Ausstellung „Oldenlandia umbellata imit.“ von Thomas Bechinger zu eröffnen. Der Titel gibt zumindest für Nicht-Lateiner und Nicht-Botaniker zunächst Rätsel auf und auch der Blick auf die Einladungskarte hat laut Ursula Grashey für Erstaunen gesorgt. Die Erwartungen, die mit dem Bild auf der Karte geschürt wurden, nämlich, dass Thomas Bechinger nicht mehr malt, sondern nun fotografiert, haben sich zum Glück nicht bestätigt.

Es gibt dennoch einen Link zu seinen Malereien. Die Fotografie ist auf dem Weg ins Atelier entstanden und der lateinische Pflanzenname referiert auf die abgebildete Pflanze. Diese wiederumdiente in Indien zur Herstellung roter Pigmente, wodurch die Brücke zur Farbe auf den Blättern auf der Fotografie und natürlich zu Thomas Bechingers Malerei geschlagen wird.

 

Für Thomas Bechinger ist diese Ausstellung ein Heimspiel. Zum 6. Mal stellt der 1960 in Konstanz geborene Künstler nun schon in der Galerie Grashey aus. 1992, vor 24 Jahren, hatte er hier sein Debüt, also im zweiten Jahr des Bestehens der Galerie.

Nach seinem Abitur verließ Thomas Bechinger Konstanz und es zog ihn zum Studium zunächst nach München an die Akademie der Bildenden Künste, an das Royal College of Art in London und schließlich an die Kunstakademie Düsseldorf. Mittlerweile ist Thomas Bechinger selbst lehrend tätig. Nach einer Gastprofessur an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg (2004) und einer Professur für Malerei und Druckgrafik an der Universität Siegen (2004-2010), hat er seit 2010 die Professur für Malerei und Glasgestaltung an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart inne. Die Lehrtätigkeit, so sagt er im Gespräch, steht dabei nicht in Konkurrenz zum eigenen Schaffen, beides geht miteinander und es gibt wechselseitige Durchdringungen.

Dass die Lehre die eigene Produktion nicht einschränkt, sehen wir nicht nur hier an den neuen Arbeiten, sondern auch in seiner Vita. Dort lesen wir von einer Vielzahl von Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland, darunter Ausstellungen im Kunstverein Hamburg, Singen, Konstanz und weiteren, im Mies van der Rohe Haus Berlin oder dem Lenbach Haus München. Seine Arbeit wird unter anderem in Galerien in Warschau und Istanbul vertreten und eben hier in Konstanz und genau darum soll es jetzt gehen.

 

Wie zeigen Bilder? Diese Frage wurde in der Kunstgeschichte immer wieder gestellt. Während zentralperspektivische Bilder seit der Renaissance als Fenster zur Welt betrachtet wurden, hat sich dieses Verständnis spätestens seit dem 19. Jahrhundert mit den künstlerischen Strömungen des Impressionismus und Expressionismus gewandelt. Auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum binokularen Sehen von Herman von Helmholtz trugen Ihren Teil dazu bei. Der Maler Paul Cézanne profitierte maßgeblich von dessen Studien über das Sehen.[1]Der Fokus in der Kunst ging weg vom Dargestellten „Was“ und hin zur Darstellungsweise, zum „Wie“ des Bildes. Dabei wurde die Materialität von Bildern wichtiger. Die Malerei wurde selbstreflexiver. Farben traten auf monochromen, also einfarbigen, Leinwänden im 20sten Jahrhundert als Akteure auf die Bildfläche. Hier sei beispielsweise aufdie Arbeiten des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch oder des Franzosen Yves Klein verwiesen.

 

Der Kunstwissenschaftler Gottfried Boehm hat das Zeigen der Bilder auf folgende allgemeine Formel gebracht: Bilder zeigen etwas und zugleich sich selbst.[2]Ähnlich verhält es sich wenn ich meinen Arm hebe um mit meinem Finger auf etwas zu zeigen. Mein Arm zeigt sich im Akt des Zeigens und zeigt gleichzeitig auf etwas anderes. Bei einem figurativen Bildsujet leuchtet dieser Befund direkt ein. Wenn Leonardo da Vinci ein Portrait der Mona Lisa malt, dann zeigt er diese Dame, die mit ihrem viel sagenden Lächeln noch heute die Menschen begeistert. Dies ist das etwas, welches das Bild zeigt. Das Sichzeigen des Bildes bezieht sich wiederum auf dessen Materialität, also im Falle der Mona Lisa auf Ölfarbe auf Leinwand und den besonderen Farbauftrag. Dieser äußert sich zum Beispiel an Stellen im Bild, an denen der Pinselduktus deutlich hervortritt.

Es stellt sich nun die Frage was bei nicht figürlichen Malereien,wie denen von Thomas Bechinger, für den Aspekt des Zeigens gilt? Die Antwort auf die Frage nach dem was gezeigt wird und dem was sich zeigt ist in diesem Fall die gleiche: Farbe. In Bechingers Bildern fungiert die Farbe zugleich als Material und Sujet. Er versteht seine Arbeiten daher auch nicht als abstrakt oder gegenstandslos, denn, so sagte der Künstler im Gespräch, da sei doch etwas, da gehe es um etwas. Überhaupt wehrt er sich gegen feste Kategorisierungen und Labels und tritt für eine direkte Erfahrung der Kunst ein, ohne sich hinter kunsthistorischen Floskeln zu verstecken. Versuchen wir also uns seinen Arbeiten zu nähern.

Farben werden bei Thomas Bechinger zu eigenständigen Akteuren. Er interessiert sich sowohl für deren Konsistenz, also für die Pigmente und deren Effekte im Prozess des Malens, als auch für die Wirkungen und Konnotationen ihrer Tonwerte. Erdige Töne, die von blass Rosa über Ocker und rot Töne reichen, stehen im Kontrast zu kühleren grün und blau Tönen. Es sind dies Farben, die auf den ersten Blick nicht rein wirken. Vielmehr handelt es sich um Mischfarben, die durch den Farbauftrag in vielen Schichten, zwischen Opazität und Transparenz changieren. Ihre Mattigkeit und Weichheit verdanken die Farben der Tatsache, dass Thomas Bechinger keine Grundierung verwendet. So können die Pigmente direkt mit dem stofflichen Untergrund reagieren.

Die Farben, meist bestehend aus Pigmenten auf Eisenoxyd Basis, die man von Fassadenfarben aus dem Stadtbild kennt, sind nicht eingängig, sondern sie fordern uns und unsere Sehgewohnheiten heraus. Blasse rosa Töne bekommen in Bechingers Malerei die Möglichkeit ungeachtet gängiger Konnotationen zu wirken und ihren Raum zu beanspruchen. In den mehrfarbigen Bildern potenzieren sich die verschiedenen Farben wechselseitig und gewinnen so an Prägnanz.Ein Rosa, das wir zunächst als blass charakterisieren würden, entfaltet im Kontrast mit einem Ocker Ton wie in der Arbeit „Ohne Titel (2014/16)“, in diesem Raum, eine geradezu strahlende Wirkung. In der kleinformatigen Arbeit „Ohne Titel (2013/14)“, im Eingangsraum setzt Thomas Bechinger auf den Komplementär-Effekt von rost-rot und blau-grün Tönen. Die Farben, die wir in Thomas Bechingers Arbeiten erfahren, bergen eine gewisse Sperrigkeit. Sie verwehren sich gegen eindeutige Aussagen. Die Bildtitel liefern außerdem keine Interpretationshilfen, sondern beschränken sich auf die technischen Daten. So heißen alle Arbeiten „Ohne Titel“ und werden lediglich durch ihr Entstehungsjahr unterschieden.

 

Auch die im Akt des Malens entstehenden Kompositionen verwehren sich gegen Eindeutigkeiten. Bechinger bietet unseren Augen keine klaren Verhältnisse oder Symmetrien an. Was symmetrisch ist, finden wir gemeinhin schön. Diesen Effekt kennen wir von Models und schönen Gesichtern im Allgemeinen. Aber darum geht es dem Künstler nicht. Gefällige Bildkonstruktionen kommen für ihn nicht in Frage. So laufen auch seine Arbeiten nie Gefahr dekorativ zu sein. Vielmehr geht es darum, dass sich im Bild etwas transformiert, dass es einen Umschlag gibt, so wie er das formuliert. Farbe auf Nessel macht noch kein Bild. Nein, es sind die Entscheidungen des Künstlers und der besondere Umgang mit dem Material, die aus diesen Arbeiten hier Bilder machen.

Schicht um Schicht entstehen im künstlerischen Prozess Farbfelder und -Flächen auf klein- und großformatigen Leinwänden, die uns als Betrachter zum genauen Hinsehen auffordern. Beim Herantreten an seine Malereien nehmen wir diese Schichten wahr, die dem präzisen Farbauftrag Thomas Bechingers geschuldet sind. Auch geometrische Figuren wie Dreiecke werden in seinen Arbeiten sichtbar, oder neuerdings runde Formen, doch auch sie folgen keiner Vorgabe eines präzisen Zirkels. Wir erkennen Spuren eines künstlerischen Prozesses, der als Erinnerung aufscheint, sich jedoch nie endgültig erschließt.

Durch die Überlagerungen der Farbe gewinnen seine Bilder zusätzlich eine räumliche Qualität, auf die bereits mehrfach hingewiesen wurde. Hell-dunkel Kontraste heben gemalte Zwischenräume als solche stärker hervor und erhöhen diesen räumlichen Effekt noch. Dies können wir anhand der bereits angesprochenen Arbeit im Eingangsraum „Ohne Titel (2013/14)“ beispielsweise nachvollziehen. Dabei geben diese Arbeiten, die sich durch Konsequenz und Notwendigkeit gleichermaßen auszeichnen, nie vor etwas anderes zu sein als sie sind: Farbe auf Leinwand, bzw. Nessel.

Das freie Spiel des Materials trifft in Bechingers Arbeiten auf den malerischen Akt eines Künstlers, der genau weiß was er tut. Thomas Bechinger malt, damit die Bilder in der Welt sind und letztlich gesehen werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen jetzt einen schönen Abend mit diesen Bildern, die uns sehen lassen.


[1]Vergleiche: Angela Breidbach, Anschauungsraum bei Cézanne, Cézanne und Helmholtz, Fink, München, 2003: 14.

[2] Vgl.: Gottfried Boehm, Wie Bilder Sinn erzeugen, Die Macht des Zeigens, Berlin 2008: 16.

 
 

Pressemitteilung zur Ausstellung Thomas Bechinger


Thomas Bechinger, geb.1960 in Konstanz studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München, am Royal College of Art in London und an der Kunstakademie Düsseldorf-

Seit 2010 ist Thomas Bechinger Professor für Malerei und Glasgestaltung an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Er lebt in München und Stuttgart.

 

Ausstellungen (Auswahl):

Galerie Florian Sundheimer, München (mit Thomas Gosebruch); 2015 Singen Kunst, Kunstmuseum Singen; Kunstverein Koelnberg, Köln; Reset. Abstract Painting in a Digital World.Clemens-Sels-Museum Neuss, Kunstmuseum Heidenheim, Kunsthalle Recklinghausen; 2014 Don`t Need No Fortune Teller; Spokojna Gallery, Warschau; 2013 Hauptsache Grau #03: Farbiges Grau. Mies van der Rohe Haus, Berlin; 2012 Das Lallen der Malerei. Kunstraum Engländerbau, Vaduz; 2011 Voilà. Staatsgalerie Stuttgart; Galerie Rupert Walser, München; 2010 Berner + Job Galerie, Mainz; 2009 Grau ist das Schwarz von Morgen.nihil nisi- aktuelle Malerei, Berlin; Was tun mit Farbe. Kunstverein Reutlingen; 2008 Was tun mit Farbe. Kunstmuseum Singen; 2005 Städt. Galerie im Turm. Donaueschingen;

2003 Soziale Fassaden u.a. – Farbe und Oberfläche in der Gegenwartskunst. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München; Seeing Red. Contemporary Nonobjective Painting. Hunter College/Time Square Gallery, New York; 2002 Neue Galerie Dachau; 2000 Für 4 Wände. Kunstverein Konstanz (mit Jerry Zeniuk); 1999 Das Gedächtnis öffnet seine Tore. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München; 1998 See-Blick. Städtische Wessenberg-Galerie, Konstanz; 1995 Kunstverein Ulm; 1994 Stipendiaten der Kunststiftung Baden-Württemberg.Ulmer Museum; 1992 Galerie Curvatuur, Brüssel.

 

Wie bereits der Titel der Ausstellung „Oldenlandia umbellata.imit“, vermuten läßt, geht es um Farbe und nichts als die Farbe. Die meisten der hier ausgestellten Bilder sind neu.

 

Ursula Grashey, Thomas Bechinger, Marie Namislow (v.l.)